Und darüber, wie ich mit einem Doppeldeckerbus durch Aberdeen fuhr.
Es war kurz vor drei Uhr morgens, als ich nicht ganz aufwachte. Weil ich einen Flug gebucht hatte. Und weil mein Unterleib krampfte, denn pünktlich zum Urlaubsstart startete auch meine Periode. Erstaunlich: Es ist leichter, nachts um drei nach etwa drei Stunden Schlaf wieder aufzustehen, als sich morgens um fünf oder sechs (oder sieben, in my case) aus dem Bett zu quälen – nach egal wie vielen Stunden Schlaf #notamorningperson

Wenn ich mit Handgepäck reise, habe ich immer Angst, dass mir etwas weggenommen wird. Ich lande auch regelmäßig in der Drogenkontrolle – vor der hatte ich diesmal, mit einer ganzen Packung Proteinpulver und verschiedensten Supplement-Tabletten im Gepäck, am meisten Sorge. So dolle, dass ich darüber an der Sicherheitskontrolle am Flughafen vergaß, den Beutel mit den Flüssigkeiten aus dem Rucksack zu nehmen – was unumgänglich dazu führte, dass sowohl Koffer als auch Rucksack geöffnet wurden. Aber: alles ok. Das lief eigentlich viel zu smooth, dachte ich da noch kurz, war aber auch einfach froh darüber, mich um kurz vor fünf nicht für fälschlicherweise im Handgepäck gelandete Gegenstände rechtfertigen zu müssen.
Meine zweite Sorge – den Anschlussflug nicht zu kriegen, weil ich die von der Airline bemessene Umsteigezeit als absurd knapp empfunden hatte, als ich den Flug nach Glasgow gebucht hatte – wurde mir ebenfalls genommen, als ich in der Travel App der Airline sah, dass ich ein paar Minuten vor der geplanten Zeit in Amsterdam landen würde. Also mehr Umsteigezeit. Also weniger Stress.
In Amsterdam angekommen, fuhr ich mit einem Bus. Und ich fuhr und fuhr. Und meine Umsteigezeit wurde immer kürzer. Als ich endlich im Flughafengebäude war, lief ich in eine Passkontrolle #keinhochaufdenbrexit , die ich dankenswerterweise abkürzen konnte, weil ich den Sicherheitsmann anflehte, denn ich hatte noch zwanzig Minuten. Ich wurde also vorgelassen, ein bisschen warten musste ich dann aber doch, wertvolle Minuten verstrichen, weil ein Kind vor mir nicht stillhielt und dessen Passfotokontrolle erschwerte. Das war der Punkt, an dem mein Körper sehr unruhig wurde. Ich bewegte mich von einem Bein aufs andere, stellte mich auf die Zehenspitzen, neigte mich zur Seite, um sehen zu können, was hinter dem Kontrollhäuschen wartete – und wo der Weg zu Gate E war.
„Geradeaus“, sagte der Mann an der Passkontrolle. Er sagte nicht, dass es eigentlich acht Minuten geradeaus waren, und ich das in den zehn Minuten, bis mein Flug abhob (!), eigentlich nicht mehr schaffen konnte. Ich lief. Ich lief mit wehender Jacke und einem geknoteten Pulli, der mir unterwegs von den Hüften rutschte. Ich lief mit meinem Handgepäckskoffer im Schlepptau und einem Bauchbeutel, der mir gegen den Oberschenkel schlug. Ich lief über Transportbänder und lief weiter über den glatten Hallenboden, bloß nicht das Momentum verlieren, einfach weiterlaufen, und irgendwo in meinem Hinterkopf formte sich die Frage, ob ich vielleicht doch mehr Cardio trainieren sollte.
Ich lief bis ans Ende des Flughafens und dann noch eine Treppe hinunter bis zu einem Counter, mit meinem Pass und der Boardkarte wedelnd, „the Glasgow flight,“ japsend, the Glasgow flight.
„Ja. Oh. No.“
Nicht die Antwort, die ich hören wollte. Es war 7 Uhr 51. Der Flug sollte um 7 Uhr 55 gehen. In vier Minuten ins Flugzeug springen? Das sollte doch kein Problem sein.
War es aber.
Die Dame vom Counter sah mich mitleidig an: „Oh, no, it was not enough time, hm?“
Hm?
Als ob ich das nicht von Anfang an gedacht hatte. Als ob ich mir darüber nicht vier Tage den Kopf zerbrochen hatte, bevor ich mich für die Buchung entschieden hatte. Obwohl es auch einen Direktflug nach Edinburgh gegeben hätte. Warum also mit Umsteigen nach Glasgow? Weil ich wusste, in Glasgow würden zu meiner Ankunftszeit drei Frauen auf mich warten, mit denen ich gemütlich im Mietwagen weiterfahren konnte. Und mit denen ich pünktlich vor dem ersten gemeinsamen Abendessen des Yoga-Retreats ankommen würde. Denn niemand will das erste Abendessen verpassen, bei dem man die ganze Gruppe zum ersten Mal zusammen sieht.
Als ob ich mir also nicht wohl überlegt hatte, ob eine Airline einen Flug so anbieten würde, wenn die Umstiegszeit unrealistisch wäre.
Tränen. Fuck.
„Did you have an appointment?“
„Yes,“ presste ich hervor und war mir selbst peinlich. Ist doch kein Weltuntergang, du kommst ja heute noch da an, wollte ich mir sagen, aber ich hörte nur, du wusstest es, die Sicherheitskontrolle lief zu smooth, du wusstest, der Umstieg ist ein Risiko. Here you are.
„You have been booked to the next flight to Glasgow.“
Und wann?
15 Uhr 35.
„Ok, thank you.“
Die nächste halbe Stunde verbrachte ich damit, die neue Boarding Card und einen Voucher für Essen anzustarren, meine Chats liefen heiß, und meine Tränen liefen mir heiß übers Gesicht. Ich schluchzte und hustete (hallo Cardiohusten) ungehemmt vor mich hin, bis ich so viel rausgelassen hatte, dass ich mich wieder zusammenreißen konnte. Endlich mal so richtig schön ugly crying am Flughafen. That’s a first.
Einen mental breakdown und einmal Nasepudern später fand ich mich im „Internet Corner“ des Amsterdamer Flughafens wieder. Ich suchte nach Zugverbindungen von Glasgow nach Aviemore und starrte entsetzt auf Ankunftszeiten zwischen 20 und 22 Uhr. Und von da noch Taxi fahren. Und beides kostete ja auch noch on top. Parallel schrieb meine Mutter „Guten Flug“ und ich hätte am liebsten direkt wieder geheult. Periode und drei Stunden Schlaf sind einfach keine gute Kombi, wenn man alleine an einem fremden Flughafen strandet.
Das Gute an Yoga-Retreats ist die gemeinsame WhatsApp-Gruppe, aus der ich wusste, dass es auch Menschen gab, die mittags aus Edinburgh anreisten. Als meine Mutter schrieb, ob ich vielleicht dahin umbuchen könnte, schöpfte ich Hoffnung, fand einen Flug, der um 12 Uhr 40 dort landen würde und sicherte mir direkt die Mitfahrgelegenheit – für den Fall, dass das klappte.
Am Counter fragte ich dann, ob ich auf diesen Flug nach Edinburgh umgebucht werden könnte. Verwirrung machte sich breit. Schließlich hatte ich doch nach Glasgow fliegen wollen. „Yes,“ sagte ich, „but I just want to get to Scotland as early as possible“ und damit meinte ich, setzt mich in den nächsten Flieger nach Edinburgh.
„Are you able to run?“, fragte der Mann am Counter, der wild tippend nach einem Flug für mich gesucht hatte.
Haha. Have you seen me running all morning durch den ganzen Flughafen? Meine Lunge brannte noch von vor einer Stunde. Aber er scherzte nicht. Er sagte: „You have to minutes, this way, Gate D6“ drückte mir eine Bordkarte in die Hand und rief noch irgendwas, was klang wie „you have to run“.
Ich rannte. Ich rannte und hustete und sagte thankyouthankyouthankyou und excuseme und rannte eine Absperrung am Gate um, weil ich die Abmessungen meines Rucksacks fehleinschätzte. Aber das Personal war so nett und scannte meine Bordkarte und sagte wieder „run!“ und ich rannte zum Ausgang und sprang in den Bus zum Flugzeug.
Überschwänglich schrieb ich in ungefähr vier verschiedene Chats „Ich fliege jetzt(!!!) nach Edinburgh“ und grinste wahrscheinlich ziemlich blöd dabei.
Ich glaube, ich saß noch nie so weit vorne im Flugzeug. Reihe 6. Am Gang. Ok. Am Fenster saß schon ein Mann. „Hi“, sagte ich, „Hi, how are you?“, sagte er und obwohl das vielleicht eher als Höflichkeitsformel gemeint war, antwortete ich völlig überwältigt von den letzten Stunden, dass ich einen crazy morning hinter mir hätte und eigentlich nach Glasgow wollte, aber meinen connecting flight verpasst hätte und jetzt würde ich nach Edinburgh fliegen, da wollte ich zwar nicht hin, aber das wäre auch ok.
Und der Mann sah mich an und sagte: „This flight goes to Aberdeen.“
Aberdeen.
Where the fuck is Aberdeen?!
Ich war schon wieder aufgestanden. Meine Jacke in der Hand und er sagte: „But you can go by train to Edinburgh or Glasgow. It is near both“
„So it is in Scotland?!“ Ok. Dann bleibe ich sitzen.
Der Mann fing sofort an, mir auf seinem Handy Zug- und Busverbindungen rauszusuchen und mir die günstigsten Optionen aufzuzeigen. Dass Busfahren möglicherweise die bessere Option sei, aber er wüsste natürlich auch nicht, wie viel Geld ich dafür ausgeben wollte. Er zeigte mir, wie ich von Aberdeen Flughafen zum Bahnhof kommen könnte und wie von dort weiter. Und dann stellte ich fest, dass es schneller gehen würde, von Aberdeen direkt nach Aviemore zu fahren und gar nicht mehr nach Glasgow oder Edinburgh. Der Mann wurde sichtlich verwirrter, weil er wahrscheinlich dachte, ich sei verwirrt und würde einfach mit random Städtenamen um mich werfen.
Dann hoben wir ab und seine Aberdeen-ÖPNV-App ging mit uns in den Flugmodus.
Ich dankte ihm mehrfach, dass er für mich geschaut hatte, das hatte mir auf jeden Fall geholfen. Und ich fragte nach seinem Namen – er hieß Chika (ich weiß nicht, ob man das so schreibt) – und wir kamen ins Gespräch. Ich erzählte, dass ich unterwegs zu einem Yoga-Retreat war und dass ich danach noch Urlaub mit meinem Mann machen würde. Ich dachte dann kurz, ob er vielleicht denkt, dass ich das mit dem Mann droppe, damit er nichts Falsches denkt. Aber ich glaube, so ein Mann war Chika gar nicht. Er fragte mich, was Yoga sei. Natürlich hätte er das in Filmen schon mal gesehen, aber er hatte nur ein Klischee im Kopf und er deutete mit halbgeschlossenen Augen ein Namaste an und wir lachten.
Ich sagte, Yoga sei harte Arbeit. An sich selbst. Yoga sei de-layering. Dass er sich das wie eine Zwiebel mit ganz vielen Schichten vorstellen könne, und jede Schicht sei so etwas wie Konditionierung, gesellschaftliche Konventionen, Erwartungen, Ideen, Dinge, die andere über dich gesagt haben, wie du bist, wie du zu sein hast, und im Kern bist du selbst. Und im Yoga geht es darum, diesen Kern, den eigenen Kern, wiederzuerkennen, wahrzunehmen und freizulegen.
Und er schaute mich lange an.
Dann fragte er: „Does Yoga also make you look young?“
Ich lachte und sagte dann im Ernst „Yes, it does“.
He was stunned. Dann nickte er und sagte „Because I thought you are like 18 but then you said you have a husband and you do this retreats and I was like you are not a student anymore“
Und ich lachte und sagte „No I am actually 35“.
Und er war fassungslos.
Und dann wurde uns beiden klar, warum er direkt angefangen hatte, Züge – und zwar günstige – für mich rauszusuchen: Er erzählte mir von seiner Tochter, seiner 19-jährigen Tochter, und dass er immer wissen wolle, wie sie reist und wo sie ist, und ich hatte, weil er mich für 18 gehalten hatte (sehr schmeichelhaft), wahrscheinlich so ein Vaterverhalten bei ihm getriggert. Ich war einfach nur unfassbar dankbar.
Er erzählte mir von Aberdeen, seinem Zuhause. Und dass er ursprünglich aus Nigeria kam. Und wo ich denn herkommen würde, mein Englisch sei so gut. Und er fragte sich, wie es sein konnte, dass man nur durch Netflix in OV gucken eine Sprache so gut beherrschen konnte und ich fühlte mich geschmeichelt, weil man meiner Meinung nach meinen deutschen Akzent gut hören kann, wenn ich Englisch spreche. Die 1,5 Stunden nach Aberdeen vergingen wie im Flug #punintended und dort angekommen, ließ Chika es sich nicht nehmen, mir „die Tour“ zu geben. Er nahm ohnehin den Bus in die Stadt und musste auch zum Bahnhof, also fuhren wir zusammen – er kaufte mir sogar das Ticket und sagte, das sei sein Welcome to Aberdeen für mich #imnotcryingyourecrying #wiewardasmitdenzwiebeln
Wir saßen im Doppeldeckerbus oben in der front row und er erzählte mir auf dem Weg in die Stadt von den neuen und den alten Gebäuden, von einer Grünfläche in der Stadt, auf der nur noch ein altes Gebäude stand, weil der Besitzer sich geweigert hatte, sein Grundstück an die Stadt zu verkaufen, von der neuen Umgehungsstraße, die den großen Kreisverkehr entlastete und von der langen Einkaufsstraße mit den besten Restaurants. Er zeigte mir das Studentenwohnheim, in dem seine Tochter lebte, und dass man die Bibliothek der Uni sehen könnte, wenn man da ganz genau hinsieht, und dass er in diesem Haus an der Ecke selber mal gewohnt hatte.
Er fragte am Bahnhof für mich nach der schnellsten Verbindung nach Aviemore und zeigte mir die Foodmeile. Dann kaufte er sich sein Take away Mittagessen und ich werde #forevergrateful sein für diesen Menschen in einem Flugzeug, in dem ich gar nicht hätte sein sollen.
Oder eben doch?
Kill with kindness ist ein Konzept, an dem ich am Abend zuvor erst gescheitert war. Weil ich die Dinge, die mich ärgern, lieber aus dem System raus habe, als dass sie mich hinterher noch lange beschäftigen und ich sowas denke wie „ach hätte ich mal besser gesagt…“, weil man hinterher ja eh immer schlagfertiger ist. In dem Fall war ich ganz gut gewesen in raus aus dem System und Schlagfertigkeit, was aber dazu geführt hatte, dass ich nicht so nette Sachen gesagt hatte. Und das hatte mich dann trotzdem hinterher noch beschäftigt. Also irgendwie lose-lose statt win-win.
Ich habe nicht mitgezählt, wie oft ich an diesem Tag „thank you“ und „you‘re so kind“ sagte. Aber kindness war das, was hängen blieb. Ich wusste nicht genau, ob diese Geschichte witzig wird (das liegt mir eigentlich nicht so sehr) oder cheesy – you decide:
Denn dann saß ich im Zug nach Aviemore und die Sonne schien und ich konnte aus dem Fenster ein paar Babyschafe sehen – und das entschädigte zwar nicht wirklich, stimmte mich aber milde. Und die mehrstündige Fahrt erlaubte mir, aufzuschreiben, was ich in den letzten zehn Stunden erlebt hatte, damit ich mich immer daran erinnern kann: kindness wins.
