Ich bin nicht gut darin, mir Auszeiten zu planen. Was auch immer wieder dazu führt, dass meine Urlaubsplanung nicht sinnvoll über das Jahr verteilt ist. So geschehen auch in diesem Jahr, in dem ein Großteil meines Urlaubs in die zweite Jahreshälfte viel. Zwei Yoga-Retreats und einen Roadtrip später weiß ich wieder:
Es ist wichtig, zu wissen, wie ich meine Energie einsetze. Wohin sie fließt. Und wo sie endet.

Ich tendiere zu alles oder nichts.
Zu 200 Prozent oder nichts geschissen bekommen.
Ich kenne keine Langeweile.
Ich überschätze, wie viel ich an einem Tag schaffen kann. Und ich unterschätze, wie viel Energie mich bestimmte Aufgaben kosten.
Und deshalb finde ich mich immer mal wieder in Situationen wieder, in denen mir die Energie ausgeht. So war das auch vor dem August-Retreat. Und ich habe die Tage gezählt, bis ich endlich in Portugal ankam. Ich tankte Sonne und Wärme in der Abgeschiedenheit eines Off-Grit-Retreatcenters, schlief im Zelt zu den Lauten eines plätschernden Flusses und nachtaktiven Tieren und stieg tief ein in meine eigene Yoga-Praxis. Erkannte, dass ich mich überall hin mitnehme. Und die Probleme, die ich schon so oft im Sommer hatte – ein Gefühl von Überarbeitung, von fehlender Energie und großer Unruhe, sich nicht in Luft aufgelöst hatte, obwohl ich in diesem Jahr meinen Berufsalltag um 180 Grad gedreht hatte.
Nur vier Wochen später tankte ich Sonne und Input in Spanien in einem zweiten Retreat und erkannte: Wenn ich mir die Zeit nehme für mich, wenn ich mir Auszeiten gewähre, finde ich zu meiner Stärke zurück, gewinne Energie für Aufgaben, die zuvor unmöglich erschienen.
Und als ich noch mal vier Wochen später hinter Wasserfälle in Island kletterte und nachts Polarlichter bestaunte, begriff ich, dass mein Kopf diese Auszeiten noch viel nötiger hatte als mein Körper.
In den yogischen Lifestyle Grundsätzen, den Yamas, steht an vierter Stelle Brahmacharya. Und das hat ganz viel mit der eigenen Energie zu tun.
Brahmacharya im achtgliedrigen Yoga-Pfad
In dieser Artikelreihe widme ich mich dem achtgliedrigen Pfad des Yoga – einem meiner liebsten Themen. Denn der achtgliedrige Pfad ist eine Möglichkeit, auf yogisches Handeln im Kontext der dahinterliegenden Philosophie zu blicken. Er stammt aus den Yoga Sutras von Patanjali und bildet ab, welche Bestandteile alle zu einer holistischen Yoga-Praxis dazugehören. Einer Praxis, die über die Matte hinausgeht.
Die Bestandteile des Pfads greifen alle ineinander und sind nicht unbedingt in einer bestimmten Reihenfolge „abzuarbeiten“. Aber sie sind in einer bestimmten Reihenfolge niedergeschrieben, die ich nutze, um mich an dieser Sortierung zu orientieren, was meine Beiträge angeht.
An erster Stelle stehen demnach die sogenannten Yamas im achtgliedrigen Pfad. Sie beschreiben, wie wir achtsam mit unserer Umwelt und anderen Lebewesen umgehen können. Und dazu gehört auch Brahmacharya.
Bramacharya ist das vierte der fünf Yamas. (Lies hier mehr über die anderen Yamas: Ahimsa. Satya. Asteya.)
Und während das v.a. in der Vergangenheit häufig mit Zölibat und Enthaltsamkeit übersetzt wurde, gibt es doch deutlich zeitgemäßere Interpretationen dieses philosophischen Konstrukts:
Was bedeutet Brahmacharya?
Brahmacharya ist der richtige Einsatz deiner Energie. Und das Aufrechterhalten deiner Energie. Also auch, sie nicht zu verschwenden.
Früher wurde dies oft mit Zölibat gleichgesetzt, weil die meisten Übersetzungen dahingehend lauten, die sexuelle Energie zu bewahren und für sich zu behalten, um sie für andere Zwecke sinnvoll einzusetzen. Wir kennen das vielleicht aus der Berichterstattung rund um sportliche Großereignisse wie beim Fußball – da dürfen die Fußballer ihre Frauen ja oft am Abend vor einem wichtigen Spiel auch nicht mehr sehen, um die Energie für sich zu behalten.
Dabei geht es bei Brahmacharya vielmehr um eine Effizienzentscheidung. Eine Entscheidung für Prioritäten.
Wohin lenke ich meine Energie?
Wie möchte ich sie einsetzen?
Wo ist die am besten aufgehoben für meine Zwecke?
Sadguru sagt dazu: „A rocket goes up because it is firing only on one side. If it fires on all the sides, it is not going to go anywhere; it will just dissipate itself. Or it will go somewhere without direction and fall apart.“*
Und die Yamas bieten auch eine Antwort: Nach innen. Weg von weltlichen Begierden ( – dieses Konzept behandelt aparigraha, das fünfte Yama), um einen Weg zu finden, unsere Energie nicht mit Unwichtigem zu verschwenden, sondern für die Dinge, die uns wirklich am Herzen liegen.
Sadguru: „If you get into a rocket, the idea is to break all existing limitations and go to another dimension. It needs an enormous amount of fuel. And as the rocket is going up, it is dropping weight. If it carried the same weight throughout, it would never have enough fuel to go all the way. […] When you need that kind of energy, you need to look at what the most energy-dissipating processes in your life are. All those things need to be contained. And as you go, you must drop as much weight as you can.“*
*Aus <https://isha.sadhguru.org/us/en/wisdom/article/brahmacharya-meaning-significance>
